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Eine junge Frau allein in einem fremden Land. In einem Land, das in vielen Köpfen noch immer vornehmlich mit einem der scheußlichsten Kriege des letzten Jahrhunderts verbunden ist und auf den ersten Blick zunächst einmal nicht viel zu bieten hat, wenn es um Bildung geht. Auf den ersten Blick.

Hannah Sommer, 22 Jahre, Maschinenbaustudentin an der Ruhr-Universität Bochum (Vertiefungsrichtung „Angewandte Mechanik“) ging in ihrem letzten Bachelorsemester nach Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehem. Saigon, um hier ihre Bachelorarbeit zu schreiben. Sechs Monate verbrachte sie am CompEng-Schwesterkurs an der Vietnamese German University (VGU) und erzählt hier von ihren Erlebnissen und Erfahrungen. Der Auslandsaufenthalt wurde ermöglicht durch ein sog. PROMOS-Stipendium des RUB International Office.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Auslandsaufenthalt in Vietnam zu absolvieren? Warum gerade Vietnam?

Ich war schon immer am asiatischen Raum interessiert. Da ich Europa bisher noch nicht verlassen habe, war ich für viele asiatische Länder offen. Vietnam hat mir über die enge Kooperation mit der RUB eine hervorragende Grundlage für mein Studium geschaffen. Außerdem habe ich viel Positives durch andere Studenten und Freunde, die Vietnam bereits bereist hatten, erfahren.

Mit welchen Erwartungen gingst du nach Vietnam? Was hofftest du, dort zu finden/zu erfahren?

Das ist im Nachhinein schwer zu beantworten. Ich habe mir öfters versucht vorzustellen, wie es sein würde, bin aber mit der Grundeinstellung, dass ich alles auf mich zukommen lassen, nach Vietnam geflogen. Gehofft habe ich vor allem, dass ich schnell Anschluss finde und nette Leute kennenlerne. Wenn man allein im fremden Land ist, ist das das Wichtigste.

Ich habe fest damit gerechnet, dass ich einen ziemlichen Kulturschock erfahren werde, ganz wie es mir oft prophezeit wurde.

Sind diese Erwartungen erfüllt worden?IMG_4212

Ja, die Vietnamesen sind ein sehr nettes und aufgeschlossenes Volk, was den ersten Kontakt angeht. In meiner neuen Klasse wurde ich gleich willkommen geheißen und habe schon in den ersten Wochen viel mit meinen Kommilitonen unternommen.

Was den „Kulturschock“ angeht, so habe ich am Anfang gemerkt, dass einiges anders ist. Allerdings fand ich alles so interessant, dass mich fast nie etwas gestört hat. Mit der asiatischen Lebensweise konnte ich mich wirklich sehr schnell anfreunden. Und „im Busch“ leben die Vietnamesen nun wirklich nicht.

Wie hat deine Familie/dein Freundeskreis reagiert, als du ihnen gesagt hast, dass du ein halbes Jahr nach Vietnam gehen würdest?

Die meisten fanden es sehr spannend und es war immer ein großes Gesprächsthema. Viele waren sehr erstaunt, wie ich auf die Idee komme, ausgerechnet nach Vietnam zu gehen. Zum einen, weil die meisten das Land nur mit dem Vietnamkrieg verbinden, auf der anderen Seite, weil Vietnam nicht unbedingt der populärste Ort ist, Maschinenbau zu studieren.

Meine Familie hat sich für mich gefreut, dass ich diese Erfahrung machen kann und mich in meinem Vorhaben unterstützt.

Wie hast du gerade die Anfangszeit in Ho Chi Minh Stadt erlebt? Fiel es dir schwer, dich einzugewöhnen?

In der Anfangszeit war ich in einer jungen Gastfamilie untergebracht, die mich wirklich sehr lieb aufgenommen haben. Wir haben viel unternommen und miteinander geredet. Meistens war ich viel zu beschäftigt, um überhaupt groß an Deutschland zu denken. Es war wirklich eine schöne Zeit und ein guter Einstieg, sich an Vietnam zu gewöhnen.

Hast du viel Kontakt zu Vietnamesen oder bewegst du dich hauptsächlich in Kreisen anderer internationaler Zugereister?

Sowohl als auch. Gerade die ersten 2 Monate war ich nur mit Vietnamesen unterwegs. Zu Hause, in der Uni, in meiner Freizeit. Ich habe in der kurzen Zeit viele Kontakte knüpfen können und ein Gefühl für die vietnamesische Lebens- und Denkweise bekommen.

Nach 2 Monaten bin ich in eine WG mit einem Kanadier, einem Franzosen und einem Deutschen mit seiner vietnamesischen Freundin gezogen. Der Grund für meinen Auszug waren die langen Distanzen, die ich zuvor immer zurücklegen musste. Von diesem Zeitpunkt an habe ich auch viele internationale Kontakte geknüpft.

Wie bewertest du die Studienbedingungen vor Ort an der VGU?

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Lernsituation an der VGU. In den kleinen Kursgrößen lernt es sich wirklich gut. Ein großer Vorteil als deutsche Austauschstudentin ist, dass man durch deutsche Dozenten unterrichtet wird. Vor allem was die Ingenieurwissenschaften anbelangt, so sehe ich das absolut positiv.

Wenn du die VGU mit der RUB vergleichst - welche Übereinstimmungen und Unterschiede gibt es?

Ich finde die Universitäten bis auf die Lehre und die Lehrinhalte sehr verschieden. Einmal ist die VGU viel kleiner als die RUB und hat dadurch weniger Studenten. Das schafft eine weniger anonyme Atmosphäre während der Vorlesungen und auch im Umgang miteinander.

Für viele Dozenten hat die Angelegenheit wohl auch einen Beigeschmack von Urlaub und aufregender Entdeckungsreise. Gleichzeitig verspüre n sie sicherlich aber auch ein bisschen mehr Verantwortungsbewusstsein und Fürsorge der jungen Uni gegenüber.

Was können beide Kulturen aus deiner Sicht voneinander lernen?

Ich wünsche mir manchmal von den Deutschen ein wenig mehr Offenheit und Hilfsbereitschaft gegenüber Unbekannten. Gerade wenn man fremd in einem Land ist, fühlt man sich gleich besser, wenn einem diese Offenheit entgegengebracht wird. In Vietnam ist mir das oft aufgefallen. Auch wenn man keine gemeinsame Sprache sprach, waren viele sehr bemüht und freundlich.

Auf der anderen Seite habe ich hier oft erfahren, dass es einigen Vietnamesen nicht leicht fällt, ihre Meinung offen und ehrlich zu sagen – selbst wenn die Themen nicht sensibel waren und man sich schon besser kannte. Für mich war es nicht immer leicht, damit umzugehen. Ein bisschen mehr Direktheit würde den Umgang miteinander in jedem Fall vereinfachen und den Standpunkt des anderen deutlicher machen.

Als Frau allein in einer fremden Kultur: Fühlst du dich gut aufgehoben an der VGU oder würdest du dir stellenweise mehr Support wünschen?

Absolut. Ich habe diesbezüglich hier keine negativen Erfahrungen gemacht. Auch hier in Vietnam wird man als Frau in einem männlich dominierten Studiengang vollkommen akzeptiert.

Jetzt, da dein Aufenthalt fast beendet ist, welche Bilanz ziehst du für dich?

Vietnam war eine sehr schöne Erfahrung und wirklich eine gute Entscheidung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich nach Vietnam reise. Darüberhinaus ist mein Interesse am südostasiatischen Raum gewachsen.

Was waren die Highlights und vielleicht auch die Tiefpunkte deines Auslandsaufenthalts?

Ein absolutes Highlight war die Rundreise, die ich zusammen mit 2 Vietnamesen aus meinem Studium und 2 meiner deutschen Freunde, die zu Besuch hier waren, unternommen habe. Zusammen haben wir viele Fhannah_1_s

acetten Vietnams kennengelernt und ein paar interessante Tage verlebt.

Als meine Freunde Vietnam verlassen haben, hatte ich ein wenig das Bedürfnis, mitzufliegen. Plötzlich habe ich mehr über Deutschland nachgedacht und es vermisst. Die Art und Weise der Deutschen zu denken, zu handeln, sich zu verhalten. Oder einfach mal wieder in der Menge abtauchen, nicht aufzufallen und „normal“ zu sein.

Was würdest du jemandem raten, der ebenfalls einen Auslandsaufenthalt in Vietnam verbringen möchte? Welche Empfehlungen hast du für andere Studierende, die an die VGU kommen?

Vietnam ist eine schöne Erfahrung und man sollte aufhören, sich im Voraus zu viele Gedanken um Hygiene und Kulturschock machen. Sich vorher zu informieren ist wichtig, aber ich denke, dass fast jeder Interessierte auf seine Weise hier eine gute Zeit haben kann.

Wenn du die Möglichkeit hättest, würdest du auch länger an der VGU bleiben?

Diese Frage stellt sich mir hier nicht zum ersten Mal. Ich genieße die Zeit in Ho Chi Minh City sehr, würde aber gerne auch noch andere Länder bereisen.

Auf der anderen Seite ist das Leben hier in Saigon schön. Das Wetter spielt da eine große Rolle, man hat ganz andere Möglichkeiten als in Deutschland und macht tolle Erfahrungen. Die Leute auf der Straße sind nett und geben einem ein gutes Gefühl. Ein Volk, das erstaunlicherweise trotz des noch nicht so lange vergangenen Vietnamkrieges den westlichen Besuchern absolut wohlgesonnen ist.

Gibt es noch etwas, das du gerne loswerden möchtest?

Mir gefällt das Projekt CompEng@VGU sehr. Ich denke, dass man durch die Errichtung einer Universität in Ländern wie Vietnam eine Gesellschaft vorantreiben kann.

Ich kann einen Auslandsaufenthalt in Vietnam nur wärmstens empfehlen!